Framing in der Logistik: Die Strategie „Starke Schiene“ der Deutschen Bahn

Gute-Kita-Gesetz, Respekt-Rente, Starke-Familien-Gesetz. Scheinbar trägt heutzutage jedes neue Gesetzesvorhaben einen flauschigen Mantel der Empathie. „Framing“ nennt man das. Es geht um die Beeinflussung des Empfängers einer Botschaft via selektierter beziehungsweise emotional aufgeladener Formulierungen und Informationen. Bei den genannten Fällen wird sogar noch ein Lob transportiert. Diese Gesetze sind gut, respektvoll und stark – noch bevor sie irgendwer bewerten konnte. Kritik fällt so natürlich auch viel schwerer. Man will ja kein Bösewicht sein, der gute Kitas nicht ausstehen kann …

Framing der Deutschen Bahn

Aber nicht nur die Politik framt. Auch Konzerne wie die Deutsche Bahn. Das zeigt die vor wenigen Tagen vorgestellte Strategie „Starke Schiene“. DB-Vorstandsvorsitzender Dr. Richard Lutz umreißt die Hauptanliegen, ebenfalls emotional aufgeladen und mit ganz viel Pathos: „Deutschland wird seine Klimaziele nur erreichen, wenn es im kommenden Jahrzehnt gelingt, massiv Verkehr auf die Schiene zu verlagern. Deutschland braucht eine starke Schiene: für das Klima, für die Menschen, für die Wirtschaft und nicht zuletzt für Europa. Wir bekennen uns zu unserer Verantwortung in der Gesellschaft und werden alles, was wir tun, auf eine starke Schiene ausrichten.“

350 Millionen Trassenkilometer

In diesem Zusammenhang komme „der schrittweisen Digitalisierung des hiesigen Eisenbahnnetzes ebenso eine zentrale Rolle zu wie dem langfristigen Neu- und Ausbau“. Man will hierfür zweistellige Milliardenbeträge in neue Züge investieren – sowie das Ziel verfolgen, die Betriebsleistung auf dem Netz um 30 Prozent zu steigern. Letzteres erfordere einen Zuwachs von 350 Millionen Trassenkilometern (gefahrene Zug-Kilometer). Eine wichtige Rolle spiele hier „kapazitätsschonendes Bauen“.

Der Ausbau der Betriebsleistung des Bahnnetzes um 30 Prozent erfordert laut DB einen Zuwachs von 350 Millionen Trassenkilometern (c) Pixabay

Der Ausbau der Betriebsleistung des Bahnnetzes um 30 Prozent erfordert laut DB einen Zuwachs von 350 Millionen Trassenkilometern (c) Pixabay

100.000 neue Mitarbeiter

Ausgebaut werden soll auch die Personaldecke – mit über 100.000 neuen Mitarbeiter.

Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien

Im Geiste aktueller klimapolitischer Ziele möchte man auch schon bis 2038 erreichen, dass die Deutsche Bahn zu 100 Prozent mit Strom aus erneuerbaren Energien fährt. Bis vor kurzem visierte man hierfür noch das Jahr 2050 an.

Und täglich grüßt …

Natürlich wurde auch noch mal die seit vielen Jahren bekannte Zielsetzung, den Marktanteil im Schienengüterverkehr von 18 auf 25 Prozent zu erhöhen, in das Programm aufgenommen. Man ist sich auch schon siegesgewiss und vermeidet Konjunktive: „Die Verkehrsleistung wird im deutschen Schienengüterverkehr um 70 Prozent zunehmen, nicht zuletzt, indem DB Cargo über 300 neue Loks anschafft.“ Bis dahin, wie es weiter heißt, stehe aber noch „eine anstrengende Zeit der Sanierung bevor“.

Besondere Rolle für DB Schenker

Lutz verweist schließlich auch auf „eine erforderliche Vernetzung mit anderen Verkehrsträgern und eine internationale Perspektive“. Ein Vorhaben, das gemeinsam mit DB Schenker umgesetzt werden soll. Der DB-Vorstandvorsitzende argumentiert: „Die Ansprüche unserer Kunden im Personen- und Güterverkehr machen nicht an der Grenze halt und können nicht allein mit der Schiene erfüllt werden. Unsere Großbeteiligungen messen wir am Beitrag zur starken Schiene. DB Schenker stärkt unseren europäischen Schienengüterverkehr. Deshalb ist DB Schenker integraler Bestandteil des Konzernportfolios.“

Fazit

Klar, eine „Starke Schiene“ ist natürlich wünschenswert. Wie DVZ-Redakteur Timon Heinrici jedoch richtig festhält, benötigt eine Strategie – und darunter firmiert das Ganze – aber nicht nur ein Ziel, sondern auch einen Zeitpunkt sowie eine gewisse Autarkie. Beides fehlt nahezu vollständig. Es gibt lediglich das Jahr 2038 als Datum für die 100-prozentige Umstellung auf erneuerbare Energien. Alles andere ist unterminiert. Und finanziell ist man sehr abhängig von staatlicher Unterstützung, zumal der Konzern selbst mit über 20 Milliarden Euro verschuldet ist. Des Weiteren ist nicht wirklich klar, wie hoch die erforderlichen Ausgaben im Detail sind. Und die von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Erhöhung der Zuschüsse für Neu- und Ausbau-Projekte – zusätzliche 300 Millionen Euro für 2022 sowie zusätzliche 524 Millionen Euro für 2023 – wird kaum ausreichen, diese Vorhaben umzusetzen.

Es bleibt also zu hoffen, dass hier noch ein bisschen Substanz dazukommt, damit die durchaus wünschenswerten Bestrebungen auch wirklich umgesetzt werden können.

In jedem Fall zeigt sich aber, dass geframte Gesetze, Strategien und Programme immer mit Vorsicht zu genießen sind. Was wirklich gut ist, braucht keine beschönigenden Adjektive.

Wir von der HDS International Group verfolgen mit Spannung alle Trends und Entwicklungen in der Logistik – und beraten Sie gern, frei von Framing, bei der Kostenoptimierung und Planung Ihrer Transporte. Und das verkehrsträgerübergreifend.

Über uns

Die HDS International Group verbessert seit über 14 Jahren die logistischen Prozesse ihrer Kunden, senkt Transportkosten und Emissionen. Über 1.000 Projekte haben wir erfolgreich begleitet. Wir verhandeln jährlich mehr als eine Milliarde Euro Frachtaufkommen und sind in den Bereichen der Rechnungsprüfung und Transparenzschaffung Marktführer in Europa. Über 100 mehrsprachige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit langjähriger logistischer Expertise bilden unser Kapital.