Amazon mit neuer Logistik-Offensive – Marktpreise um bis zu 30 % unterboten

„Ironie ist das Körnchen Salz, das das Aufgetischte überhaupt erst genießbar macht.“ (Johann Wolfgang von Goethe)

Jetzt ist es amtlich: Amazon-Chef Jeff Bezos kauft die Deutsche Post DHL Group für 32,5 Milliarden US-Dollar. Der Onlineversandhändler nimmt damit seinen größten Konkurrenten im Bereich der kommerziellen Nutzung von Drohnen vom Markt. Denn genau hier lag das deutsche Logistik- und Postunternehmen weltweit in Führung. Ein Umstand, den Bezos nicht akzeptieren konnte. „Wenn eine Firma besser ist als deine, dann kaufe sie einfach – und schon liegst du wieder in Führung. So einfach ist das“, erklärte Bezos, angesprochen auf seine Beweggründe, gegenüber amerikanischen Medien. Ein Ende von Amazons Übernahmeplänen bedeutet das aber nicht. Jetzt neu im Fokus: Das jüngst von Wissenschaftlern fotografierte Schwarze Loch in unserer Milchstraße. Bezos: „Wenn ich das Teil bekomme, dann verkaufe ich die Post sofort wieder. Mit Schwarzen Löchern sind 1-Second-Deliverys ohne Weiteres möglich! Das muss das Ziel sein!“

Nein, keine Sorge, weder die Übernahme der Deutschen Post DHL Group noch die eines Schwarzen Loches gehören zu Jeff Bezos’ Logistikplänen. Die Branche ist ob der jüngsten Ankündigungen aber auch so verunsichert genug.

So will Amazon zwar nicht die 1-second-, aber die 1-Day-Delivery zum Standard machen. Zumindest für Prime-Kunden. 800 Millionen US-Dollar investiert das Unternehmen dafür. Ein Großteil des Geldes soll in die Aufstockung des Personals fließen. Wie die Verkehrsrundschau berichtet, ist die standardmäßige 24-Stunden-Zustellung aber zunächst nur für den nordamerikanischen Markt vorgesehen.

Leider kein Spaß

Aber es geht noch disruptiver: Mit freight.amazon.com startet der Onlineversandhändler in den USA nun eine eigene Frachtenbörse. Hier werden ausschließlich vollständige Lkw-Flächen angeboten. Teilladungen sind nicht vorgesehen. Amazon will damit zum einen – zumindest in aufkommensschwachen Phasen – stets eine maximale Auslastung der eigenen Lkw gewährleisten. Und zum anderen in der Lage sein, immer Kapazitäten zur Verfügung zu haben. Etwa in Hochphasen wie zu Weihnachten.

Volle Offensive: Amazon sichert sich mit einer eigenen Frachtenbörse Kapazitäten (c) Pixabay

Volle Offensive: Amazon sichert sich mit einer eigenen Frachtenbörse Kapazitäten (c) Pixabay

Eine Marge spielt keine Rolle

Laut des Fachmediums „Freightwaves“ unterbietet Amazon dabei die üblichen Marktpreise um bis zu 30 Prozent. Eine Marge hierüber muss das Unternehmen – im Gegensatz zum klassischen Frachtmakler – ja nicht anstreben. Möglicherweise will es das auch gar nicht. Denn wenn die allgemeinen Marktpreise derart stark unterboten werden, müssen die Wettbewerber irgendwann ebenfalls ihre Preise senken. Ein allgemeiner Preisrutsch, von dem Amazon dann selbst profitieren würde, wäre die Folge.

Wie die Deutsch Verkehrs-Zeitung (DVZ) aber schreibt, ist diese Preisrutsch-Strategie derzeit reine Spekulation. Lutz Lauenroth, stellvertretender Chefredakteur der DVZ: „In Spitzenzeiten, wenn alle Kapazität suchen, wird auch Amazon nicht viel freien Laderaum haben und vermarkten können. In saisonal schwächeren Zeiten gibt es seit jeher Preisdruck – Stichwort: Rückfrachten und Deckungsbeitragsüberlegungen.“ Allerdings, wie Lauenroth umgehend wieder relativiert, könnte sich dieser Druck doch wieder verschärfen, „wenn Amazon Überkapazität billigst verschleudert“. Und genau dazu ist das wertvollste Unternehmen der Welt in der Lage. Amazon kann Frachtraum nicht nur zum Selbstkostenpreis anbieten, sondern theoretisch auch darunter.

Trojanisches Pferd?

Brian Nowak, Analyst des Beratungsunternehmens Morgan Stanley, bezeichnet die neue Plattform gegenüber eurotransport.de sogar als „Trojanisches Pferd“, als Auftakt einer Logistikoffensive, mit der sich Amazon eine neue feste Kernkompetenz aufbauen wolle.

Nowak ist zudem der Auffassung, dass Amazon zukünftig als 3PL, als Logistikdienstleister für Dritte, agieren will. Ja, wenn das nicht schon längst passiert ist. Denn bei Logistikdienstleistungen im E-Commerce-Handel hat Amazon in Nordamerika bereits einen Anteil von zwölf Prozent erreicht, wie die Marktanalysten von Armstrong & Associates in Erfahrung gebracht haben. Insbesondere wegen der vielen kleinen Händler, die Amazon als Plattform für ihre Verkäufe nutzen und auf den Service „Fulfillment by Amazon“ (FBA) zurückgreifen. Die Frachtenbörse wäre da nur ein weiterer – wenn auch sehr großer – Baustein.

Pläne für Deutschland

Auch wenn diese Logistik-Pläne zunächst USA-exklusiv sind, gibt es auch ein paar Investitionen in Deutschland: Zwei neue Verteilzentren für die letzte Meile in Cloppenburg und im südhessischen Knüllwald sowie ein weiteres Logistikzentrum. Letzteres wäre schon das Dreizehnte seiner Art – und soll Ende des Jahres in Mönchengladbach eröffnet werden.

Weiteres ist hierzulande aber erst mal nicht geplant. Das in den USA „Aufgetischte“ gilt es aber genau zu beobachten. Unternehmen sollten die Zeit in jedem Fall nutzen, sich logistisch optimal aufzustellen. Das ist schließlich der beste Schutz – vor jedweden Plänen Amazons.

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